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Im berüchtigten Frauengefängnis Hoheneck bei Stollberg wurden unliebsame Frauen weggesperrt und gefoltert. Stollberg plant jetzt die Gedenkstätte zu schließen, ein schwerer Schlage für die einstigen Insassinnen (mdr).

Berlin/Hoheneck, 15.03.2019/cw – Die Befürchtung vieler Frauen, die seinerzeit im berüchtigten Frauenzuchthaus Hoheneck in Stollberg zu Zeiten der DDR aus politischen Gründen hohe Haftstrafen verbüßen mussten, drohen nun Realität zu werden: Nach einem Bericht des mdr-Sachsenspiegel vom 14.03.2019 (19:00 Uhr) plant die Stadt Stollberg jetzt, die Gedenkstätte zu schließen (https://www.mdr.de/mediathek/suche/video-283038_zc-f24cd3d3_zs-20a70875.html).

In einem Interview erklärte der Stollberger Oberbürgermeister Marcel Schmidt (Freie Wähler-Union), die Stadt könne nicht jedem einzelnen Opfer gerecht werden. Stollberg habe dieses Gefängnis nicht betrieben, das sei die DDR gewesen: „Wir haben als Stadt ein ehemaliges Gefängnis gekauft, dass wir als Stadt nicht selbst betrieben haben, sondern was die DDR hier installiert hat.“

Gedenkstätte? Das ehem. Zuchthaus Hoheneck – Foto: LyrAg/RH


Diese Haltung des OB schockiert neben vielen ehemaligen Hoheneckerinnen auch die ehemalige Gefangene Tatjana Sterneberg. Sie hatte 2011 mit ihrem Lebensgefährten den erstmaligen Besuch eines Bundespräsidenten in Hoheneck initiiert und organisiert: „Damals trafen wir auf einen begeisterten Oberbürgermeister, der die Forderung von Christian Wulff nach einer Gedenkstätte vollinhaltlich getragen hat,“ erinnert sich Sterneberg rückblickend. Sie habe bisher auch immer davor gewarnt, die seinerzeit erkennbaren Bemühungen der Stadt und besonders ihres OB um eine Gedenkstätte kleinzureden. Jetzt sieht sich Sterneberg „auf ganzer Linie getäuscht.“

Und die ehemalige Hoheneckerin Ute Bonstedt spricht in einer Einspielung des mdr aus den USA von „einer Schande.“ Sie sei verwundet und tief verletzt. Man habe offenbar aus der NS-Vergangenheit nichts gelernt. Es handele sich um eine Geschichtsverfälschung, wenn die Stadt jetzt jede Mitverantwortung ablehne.

Herr Schmidt, Ihre Kehrtwende ist ein politischer Skandal

Kommentar von Tatjana Sterneberg

So nicht, Herr Schmidt. Wir sind Ihnen stets offen gegenüber getreten. Wir haben Ihnen kurz nach dem Besuch des Bundespräsidenten ein Konzept offeriert („Begegnungs- und Gedenkstätte >BuG< Hoheneck“), in dem wir trotz schwerwiegender Bedenken aus dem Kreis der Frauen von Hoheneck den Vorstellungen der Stadt nach einer Fremdnutzung von Räumlichkeiten wegen der schieren Größe der einstigen DDR-Haftanstalt entsprochen haben. In unseren vielen Gesprächen stand dabei die Schaffung einer würdigen Gedenkstätte niemals zur Disposition. Und jetzt, im Jahr 2019?

Jetzt erklären Sie unverfroren und ohne jeden Anflug eines Mitfühlens mit den seinerzeitigen Insassen, die Stadt habe für die einstige Haftanstalt keinerlei Verantwortung? Und der angesehene Optiker und Bürger der Stadt, der die Gefangenen mit Sehhilfen versah und nach eigenem Bekunden oft „bis nach Mitternacht“ auf der Burg weilte? Und der Stollberger Bürger, der als Haftanstaltsleiter in einem eigenen Haus nahe der Gedenkstätte residierte? Und die Stollberger Bürger, die das Aufsichtspersonal in der Haftanstalt komplettierten?

Was würden Sie, Herr Schmidt, sagen, wenn die Stadt Dachau in Bayern plötzlich erklären würde, sie lehne jede Verantwortung für das einstige und erste Konzentrationslager des NS-Regimes ab und könne sich daher nicht mehr um die dortige Gedenkstätte kümmern?

Kehren Sie um, berichtigen Sie Ihren fatalen, weil erschütternden Beitrag im zitierten Sachsenspiegel des mdr und weisen Sie ggf. nach, dass es sich um einen unsachgemäßen, weil wahrheitsverzerrenden Zusammenschnitt Ihrer tatsächlichen Äußerungen handelt. Werden Sie Ihrer Verantwortung gerade auch für diese Gedenkstätte gerecht oder ziehen Sie die erforderlichen Konsequenzen. Ihre demonstrative Kehrtwende im 30. Jahr des endlichen Mauerfalls ist ein politischer Skandal. Der kann so nicht in der politischen Landschaft stehen bleiben.

V.i.S.d.P.: Redaktion Hoheneck, Berlin – Tel.: 030-85607937 (1.388).

Berlin/Stollberg/Hoheneck, 06.01.2019/cw – Die ersten Ankündigungen zum großen Jubiläum des Mauerfalls vor 30 Jahren wurden bereits lanciert. Eine (Fast-)Allparteien-Koalition (CDU, SPD, GRÜNE, LINKE und FDP ohne AfD) lädt Opfervertreter der SED-Diktatur zu einem Meinungsaustausch in das Abgeordnetenhaus von Berlin ein. Thema u.a.: Vorbereitung auf den 30. Jahrestag des Mauerfalls.

In Sachsen, derzeit CDU-geführte Große Koalition, geht man wieder einmal andere Wege. So berichtete die Freie Presse zum Jahresende über „Eine Million für Ex-Gefängnis“. Gemeint war das ehemalige DDR-Frauen-Zuchthaus Hoheneck, das sich seit Jahren in einer spektakulären Umbauphase befindet und unter anderem neben vielen anderen Projekten auch eine „würdige Gedenkstätte“ erhalten soll, die an die Leiden der Frauen nach 1945 erinnert. Die Freie Presse berichtete, daß aus dem ehemaligen SED-Vermögen nunmehr „eine Million Euro für eine Fitness-Sportstätte“ auf dem Hoheneck-Gelände zur Verfügung gestellt worden wären. Von der Schaffung und Finanzierung einer Gedenkstätte war in diesem Zusammenhang keine Rede. Ehemalige Hoheneckerinnen, so bezeichnen sich die Frauen, die aus politischen Gründen zwischen 1949 und 1989 in Hoheneck widerrechtlich inhaftiert waren, zeigten sich in ersten Reaktionen bestürzt über diesen „Abgesang auf ein würdiges Gedenken.“ Die Vereinigung 17. Juni in Berlin, zu deren Vorstand die ehemalige Hoheneckerin Tatjana Sterneberg gehört, spricht sogar von einer „erneuten Veruntreuung von SED-Geldern.“ Diese seien zwar formal für Investitionen in den sogen. neuen Ländern bestimmt. Bei der Verwendung dieser Gelder könnte aber „nicht die Diktatur-Geschichte und die Verantwortung der Staatspartei SED ausgeblendet werden. Die auch pekuniäre Unterstützung der notwendigen Arbeit der Erinnerung und des Gedenkens gerade aus diesem einst illegalen Geldtopf der SED ergebe sich zwangsläufig aus der Herkunft dieser Gelder.“

Ursprüngliche Anregung des Bundespräsidenten

ERr forderte 2011 in Hoheneck ein würdiges Gedenken: Bundespräsident Christian Wulff – Foto LyrAg/RH

Den Auftakt zur Schaffung einer Gedenkstätte hatte weiland Bundespräsident Christian Wulff gegeben, als er bei seinem spektakulären Besuch auf der berüchtigten Burg im Jahre 2011 ein „würdiges Gedenken an die Leiden der Frauen“ anmahnte. Nach dem Rückkauf des Geländes von einem Immobilien-Spekulanten, dem der Freistaat das ehemalige Zuchthaus-Gelände zunächst verhökert hatte, machte sich besonders die Stadt Stollberg rührig an den Umbau des alten Gemäuers. In den ursprünglichen Plänen hatte die zu schaffende Gedenkstätte zunächst einen herausragenden Platz, erschienen die Ergänzungsnutzungen als notwendiges Beiwerk, um den Ort des Gedenkens überhaupt finanzierbar und halbwegs für Besucher interessant zu gestalten.

Zukunft auf Hoheneck – Eine Vielfalt von Angeboten, doch eine Gedenkstätte fehlt bis heute – Foto: LyrAg/RH

Ehemalige Hoheneckerinnen, angeführt von Tatjana Sterneberg, die von 1974 –1976 in Hoheneck wegen versuchter Republikflucht eingesperrt war, hatten nach dem Bundespräsidentenbesuch der Stadt und dem Landtag ein Konzept vorgelegt („Begegnungs- und Gedenkstätte Hoheneck“), in dem die in Stollberg favorisierten Pläne einer multiplen Nutzung unterstützt wurden. Ein eigens gegründeter Förderverein sollte die Schaffung einer Gedenkstätte aktiv unterstützen.

Gedenkstätte wird in den Hintergrund gedrängt

Mittlerweile wurde die Gedenkstätte im Zuge der Bauarbeiten zum Leidwesen der noch lebenden Frauen von Hoheneck immer mehr in den Hindergrund gedrängt. Nicht nur der zeitliche Rahmen verzögerte sich, die Einweihung war zunächst für 2017 vorgesehen und wird jetzt für 2020 anvisiert, auch die äußeren Umstände haben sich augenscheinlich verändert, bedauert Sterneberg. So war für die Gedenkstätte zunächst der vollständige Flügel mit dem ehemaligen Zellentrakt vorgesehen. Im Zuge der Baufortschreibung wurde die Gedenkstätte auf augenblicklich 600 qm zurückgeschrumpft und wird, gemessen am zur Verfügung stehenden Areal und der anderweitigen Nutzung offenbar nur noch eine marginale Rolle spielen. Auch der Name wird inzwischen in der öffentlichen PR-Werbung durch die Stadt verharmlosend von „Burg“ in „Schloss Hoheneck“ umfirmiert. Tatjana Sterneberg:

„Die Bezeichnung Schloss ist für das Ensemble völlig unangebracht, da sie die traurige Geschichte des politischen Missbrauchs total unterschlägt. Wir haben der Stadt bereits vor längerer Zeit vorgeschlagen, den Namen „Burg Hoheneck“ als zutreffender zu verwenden, weil sich darin die historische Entwicklung wiederspiegelt. Außerdem,“ so die ehemalige Hoheneckerin, „ließe sich auch unser ursprünglicher Vorschlag „Begegnungs- und Gedenkstätte“ in dem Begriff integrieren, indem der Buchstabe „R“ sozusagen versetzt in die Bezeichnung „BUrG“ eingesetzt werden würde.“

Kritik von Bündnis90/GRÜNE

Als einzige politische Partei haben bisher die GRÜNEN in Sachsen die Geldmittelverwen-dung kritisiert. Die kulturpolitische Sprecherin der Landtagsfraktion, Claudia Maicher: „Es ist hochproblematisch, das Geld aus dem SED-Vermögen für Fitness fließt, aber nicht für die Gedenkstätte.“ Maicher hält es laut Freier Presse für ein Versäumnis, dass fast 30 Jahre nach der friedlichen Revolution keine institutionelle Förderung der Gedenkstätte erfolge. Die engagierte Abgeordnete erinnert in diesem Zusammenhang daran, daß die Stiftung Sächsische Gedenkstätten „seit der Novellierung des Stiftungsgesetzes von 2012 zur institutionellen Förderung der Gedenkstätte in Stollberg“ verpflichtet sei.

VOS weiht Namenstafel für Tote von Hoheneck ein

Aus gegebenem Anlass ruft Sterneberg dazu auf, eine von der „Vereinigung der Opfer des Stalinismus (VOS)“ geplante Veranstaltung am 28. Februar in Chemnitz zu nutzen, um „vor Ort den Verantwortlichen ins Gewissen zu reden.“ Am besagten Donnerstag im Februar will die VOS in Anwesenheit ehemaliger Hoheneckerinnen auf dem Friedhof in der Reichenhainer Straße auf dem Gemeinschaftsgrab 18, Fläche 9, eine Namenstafel mit den auf Hoheneck zu Tode gekommenen Frauen einweihen.

Die in der Haftanstalt Waldheim in den Jahren 1950 – 1952 ums Leben gekommenen Gefangenen wurden eingeäschert und am 23.10.1957 im besagten Gemeinschaftsgrab beigesetzt. Nach dem Fall der Mauer wurden auf dem Boden des Frauenzuchthauses Hoheneck diverse Urnen gefunden. Es handelte sich um die sterblichen Überreste von Frauen, die währen ihrer Haft in Hoheneck dort ums Leben gekommen waren. Am 2.05.1992 waren diese Urnen im bis dahin anonymen Gemeinschaftsgrab in Anwesenheit hunderter ehemaliger politischer Gefangener beigesetzt worden.

V.i.S.d.P.: Redaktion Hoheneck, Berlin – Tel.: 0176-48061953 (1.375).

Stollberg/Hoheneck/Berlin, 24.07.2018/cw – Die Stollberger Zeitung (Freie Presse) berichtet in der heutigen Ausgabe über Pläne des agilen Oberbürgermeisters Marcel Schmidt, in der ehemaligen Krankenstation des einstigen größten Frauenzuchthauses der DDR eine Schwimmhalle zu errichten („Stollbergs Traum von der eigenen Schwimmhalle“). Zwar sind die Pläne noch nicht spruchreif, müssten noch einige Behörden zustimmen, so Schmidt, aber ein Baubeginn könne bereits 2020 erfolgen.

Während die LINKE und die CDU im Stadtrat bereits vorsichtige Zustimmung signalisiert – Fraktionsvorsitzender Siegfried Opitz: „Wir sind voll dafür.“; CDU-Stadtrat Gunter Weißbach: „Wenn sich das Gebäude eignet und Geld dafür da ist…“ – kritisiert vor Ort Sabine Kempf-Burzlaff, Mitglied im Förderverein der Gedenkstätte, die neuerlichen Pläne: „Für mich ist das die falsche Reihenfolge.“ Zwar habe sie prinzipiell nichts dagegen, dass „Leben reinkommt,“ aber der Ausbau der Gedenkstätte „sollte an erster Stelle stehen.“

Kritiker denken an das Terminierungsdesaster in Schönefeld

Davon ist man in Stollberg trotz vollmundiger Ankündigen derzeit weiter entfernt denn je. In der Terminierung fühlen sich bereits Kritiker an das missliche Beispiel um den Berliner Flughafen Schönefeld erinnert: Auch in Stollberg werden die Eröffnungstermine für die Gedenkstätte immer wieder hinausgeschoben. Aktueller Termin derzeit: 2020.

Er hatte die Gedenkstätte bei seinem Besuch im Mai 2011 in Hoheneck angemahnt: Bundespräsident Christian Wulff (re.) neben der in diesem Jahr verstorbenen Ellen Thiemann (li.) – Foto: LyrAg

Auch Tatjana Sterneberg, einstige Insassin im Frauenzuchthaus (1974 – 1976) und engagierte Streiterin für ein „würdiges Gedenken vor Ort“ sieht sich – wie viele andere ehemalige Hoheneckerinnen – getäuscht: „Wir haben bereits 2011, nach dem von uns initiierten und organisierten Besuch des Bundespräsidenten, eine umfassende Konzeption für eine „Begegnungs- und Gedenkstätte“ in Hoheneck vorgelegt. In dieser haben wir nach entsprechenden Gesprächen mit der Stadt ausdrücklich auch eine sogen. Mehrfachnutzung der ehemaligen Strafvollzugsanstalt integriert, aber es stand für uns immer fest, dass die Schaffung einer Gedenkstätte unzweifelhaft Priorität haben müsse.“

Erkennbarer Ausstieg aus früheren Zusagen

Jetzt will Sterneberg durch das „Filibustern“ der Stadt in Sachen Gedenkstätte eine Kehrtwende ausmachen: „Man hat uns in der Vergangenheit die gewünschte Priorität mehrfach bestätigt. Aber jetzt zeichnet sich in den letzten Jahren ein erkennbarer Ausstieg aus den ursprünglichen Zusagen ab. Das,“ so das ehemalige Vorstandsmitglied des Frauenkreises ehem. Hoheneckerinnen, „grenze an einen Skandal.“

Haben sich die ehemaligen Hoheneckerinnen durch die bekannt gewordenen Querelen nicht selbst aus der Mitsprache herauskatapultiert? Das sieht Sterneberg nicht so. „Natürlich hat der Verein durch seinen Schlingerkurs die notwendige Kooperation mit den Verantwortlichen nicht erleichtert,“ räumt sie freimütig ein. „Auf der anderen Seite sind ja deswegen die noch lebenden Zeitzeuginnen nicht in der Versenkung verschwunden.“ Sterneberg, die in Berlin lebt, erinnert daran, dass sie ja auch ohne Vereinsfunktion 2016 als ehemalige Hoheneckerin zu einer „sehr konstruktiven Runde“ nach Stollberg eingeladen wurde, um das vorgelegte Gedenkstättenkonzept einer beauftragten Fachfirma zu diskutieren: „Da stand noch eine Umsetzung bis 2018 ernsthaft im Raum.“

Tatjana Sterneberg unterstützt die Argumentation von Sabine Kempf-Burzlaff, wonach die Errichtung einer Gedenkstätte „an eine der fürchterlichsten Einrichtungen der DDR, die der politischen Verfolgung andersdenkender Frauen“ gedient hätte, für alle Verantwortlichen „an erster Stelle stehen müsse.“ Jetzt verliere sich dieses Gedenken in einem durchaus interessanten Strauß bunter Ideen und Initiativen. Nicht nur sie habe den Eindruck, dass hier „durch eine geschickte Regie die Vergangenheit immer mehr in den Hintergrund gedrängt“ werden solle. Das ließe sich auch an der Tatsache ablesen, dass die ursprünglich geplante Gedenkstätte, die sich über den gesamten Südflügel (ehem. Zellentrakt) erstrecken sollte, in den letzten Jahren immer mehr geschrumpft wurde und aktuell nur noch in einer Etage etabliert werden soll.

Kontrapunkt auch in Auschwitz, Theresienstadt oder Buchenwald?

Erzürnt hat Sterneberg Schmidts geschilderte Meinung in der Stollberger Zeitung: „Wo den Gefangenen früher Freiheit und Kultur genommen wurde, schafft die Stadt ganz bewusst einen Kontrapunkt.“ „Würde Schmidt eine solche Aussage auch als Verantwortlicher für Auschwitz, Theresienstadt oder Buchenwald machen?“ zeigt sich die Hoheneckerin erschüttert. Sie habe den OB immer gegen Kritiker verteidigt und stets sein bisheriges Engagement für und um Hoheneck begrüßt. Jetzt aber sieht sie diese „gute Beziehung zur Umsetzung eines gemeinsamen Anliegens“ in der Krise. „Allein die in den letzten Jahren von der Stadt favorisierte Bezeichnung „Schloss“ sei ein Affront der ehemaligen Insassen des Frauenzuchthauses. Die Bezeichnung „Burg“ für das Anwesen sei historisch gerechtfertigt und würde die unterschiedlichen Nutzungen der einstigen „Staleburg“ authentischer wiedergeben. Außerdem könne man in dem Begriff „BU®G“ die „Begegnungs- und Gedenkstätte“ auch phonetisch unterbringen. Auch das habe man gegenüber der Stadt bereits im letzten Jahr angemerkt.

V.i.S.d.P.: Redaktion Hoheneck, Berlin – Tel.: 030-30207785 (1.413).

Von Tatjana Sterneberg und Carl-Wolfgang Holzapfel*

Köln/Stollberg-Hoheneck/Berlin, 06.05.2018/cw – Ellen Thiemann (80) ist tot. Heute teilte ihr Sohn die traurige Nachricht der Öffentlichkeit mit. Die bekannte Buchautorin und vormalige Redakteurin im Kölner Express hatte im Herbst vergangenen Jahres die bestürzende Diagnose Krebs erhalten. Seither bereitete sie sich mutig und gefasst auf ihren Tod vor.

Mit Thiemann verlieren die ehemaligen Hohenecker Frauen eine überaus engagierte Kämpferin für die Erinnerung an das größte Frauenzuchthaus der einstigen DDR. Sie war über Jahrzehnte die Stimme von Hoheneck, ehe andere Frauen, vielfach ermutigt durch sie, eigene Biografien über ihre Erlebnisse in dem Gemäuer der ehemaligen historischen Burg schilderten.

Die Verstorbene wurde am 23.Mai 1937 in Dresden geboren. Dem heranwachsenden Mädchen blieben die furchtbaren, weil bewußten Erlebnisse besonders der letzten Kriegstage nicht erspart, die Bombardierung ihrer Geburtsstadt durch angloamerikanische Bomberverbände blieb ihr als leibhaftige Hölle auf Erden in bleibender Erinnerung.

Vielleicht trugen diese jungen Erfahrungen zu ihrer Politisierung bei. Jedenfalls arbeitete sich die junge Frau bis in den Diplomatischen Dienst der DDR hoch, war schließlich als Dolmetscherin (Spanisch) tätig, die Thiemann zu einer Zeit Aufenthalte im Ausland ermöglichten, die normalen DDR-Bürgern verwehrt waren. Nachdem sie Ende der fünfziger Jahre den in der DDR bekannten Fußballer und Sportjournalisten Klaus Thiemann kennengelernt hatte, heiratete das junge Paar. Nach dem Bau der Mauer am 13. August 1961 empfand Thiemann trotz gewisser Vorteile, die ihr die berufliche Tätigkeit einbrachten, ihren Staat zunehmend als Beengung. Vor allem sah sie für ihren über alles geliebten Sohn die Chancen für eine Zukunft schwinden. Nach vielen Diskussionen entschloss sich das Paar zur Flucht in den Westen. Dabei sollte der Sohn praktisch im Voraus in einem Auto in die Freiheit geschmuggelt werden. Offensichtlich durch Verrat scheiterte diese Flucht am 29. Dezember 1972 am durch mehrere Fluchtunternehmen bereits bekannten Grenzübergang Invalidenstraße. Thiemann, die die Flucht ihres damals elfjährigen Sohnes Carsten und das Scheitern beobachtet hatte, wurde verhaftet. Um ihren Sohn und den Ehemann zu schützen, nahm sie alle Schuld auf sich und wurde am 22. Mai 1973 zu dreieinhalb Jahren Zuchthaus verurteilt, während ihr Sohn in die Obhut des Vaters kam. Ellen Thiemann wurde zunächst nicht freigekauft, sondern Ende Mai 1975 in die DDR entlassen. Nach intensiven Bemühungen ihres Anwaltes Wolfgang Vogel, zu dem sie nach dessen Umzug an den Schliersee in Bayern bis zu dessen Tod eine herzliche Verbindung unterhielt, konnte sie mit ihrem Sohn endlich freigekauft werden und am 19. Dezember desselben Jahres die DDR verlassen.

Im Westen angekommen, begann Thiemann eine journalistische Karriere, die sie bis zur Ressortleiterin im Kölner Express empor trug. Von Beginn an nutzte sie die dadurch ermöglichte Chance, die Öffentlichkeit über Hoheneck und die in der DDR furchtbaren Bedingungen in den Haftanstalten zu informieren. Ihr gelang es schließlich, hochrangige Politiker, wie den damaligen Außenminister Hans-Dietrich Genscher, zu einem Besuch in Hoheneck zu veranlassen. Der bereits vorbereitete,  von Thiemann angestoßene Besuch von Helmut Kohl in Hoheneck scheiterte an den widrigen Wetterbedingungen, die eine Nutzung des Hubschraubers unmöglich machte.

Über ihre Haft in Hoheneck veröffentlichte sie viel beachtete Bücher (Stell dich mit den Schergen gut. Herbig, München 1990, ISBN 3-7766-1655-5; Der Feind an meiner Seite. Herbig, München 2005, ISBN 3-7766-2453-1 (mit einem Geleitwort von Joachim Gauck) und Wo sind die Toten von Hoheneck? Herbig, München 2013, ISBN 978-3-7766-2750-3 (mit einem Geleitwort von Norbert Lammert). Ihr zweites Buch basierte auf der erschütternden Erkenntnis, dass ihr eigener Mann als IM „Mathias“ die seinerzeitige Flucht an das MfS verraten hatte. Die Enttäuschung über diesen Verrat durch „den engsten Vertrauten“ hat Thiemann nie wirklich verwunden. In ihrem Buch Der Feind an meiner Seite hat die Autorin sich ihre Erkenntnisse und ihre verletzten Gefühle über diesen Verrat nach dem Studium ihrer Stasiakten von der Seele geschrieben.

Auch durch vielfache TV-Futures, unzählige Interviews und zahlreiche Artikel wirkte Ellen Thiemann an der Bewusstwerdung über die politischen Verfolgungen in der DDR in einem unübersehbaren Umfang mit. Bis zuletzt galten ihre Gedanken der Sorge, dass die Leiden von Hoheneck und den anderen Haftanstalten in Vergessenheit geraten könnten. In einem letzten Telefonat appellierte sie eindringlich, in ihrem Sinn weiterhin engagiert zu bleiben. Die unverwechselbare Stimme von Hoheneck ist tot. Ihr Vermächtnis wird weiter leben, solange Zeitzeugen das gemeinsame Anliegen und damit die Erinnerung an diese eindrucksvolle Frau bewahren. Liebe Ellen, wir werden Dich nie vergessen.

* Tatjana Sterneberg war selbst von 1973 – 1976 in Hoheneck inhaftiert. Carl-Wolfgang Holzapfel war 1962 durch die Zeitzeugin Anneliese Kirks (1950-1960) erstmals auf Hoheneck aufmerksam geworden und hatte sich seither für die Freilassung politischer Gefangener engagiert. Beide Autoren waren mit der Verstorbenen befreundet.

© 2018 V.i.S.d.P.: Redaktion Hoheneck, Berlin – Tel.: 030-30207785 (1.382).

 

 

 

Köln/Berlin, 15.04.2018/cw – In einem bewegenden und langen Telefonat mit unserer Redaktion hat sich die Autorin Ellen Thiemann (80) bewusst klar und deutlich von diesem Leben verabschiedet. Sie liege im Sterben, teilte sie uns heute mit und bat dringend darum, Freunde und Kameraden darüber zu informieren.

Hinweis: Der vollständige Artikel ist von der Redaktion am 17. April von der Seite genommen worden.

© 2018 Redaktion Hoheneck, Berlin – Tel.: 030-30207785 (1.374).

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