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Berlin, 10.08.2019/cw – Im Zusammenhang mit der Aktion zum 30.Jahrestag der „Lebendigen Brücke“ : „WIR“ statt „IHR“ am Checkpoint Charlie (12.08.2019, 11:00 Uhr) erreichten mich zahlreiche Anfragen über meinen Weg zum gewaltlosen Widerstand gegen die Mauer. Bis zum 12. August werde ich an dieser Stelle Stationen auf diesem Weg und aus dem Kampf gegen die Berliner Mauer schildern. (13 -Teil 12 siehe 09.08.2019).

Es wäre unehrlich, eine wie immer geartete Haft als „gut verkraftbar“ hinzustellen. Schließlich brauchte man sich nicht für zu Unrecht eingesperrte Menschen einzusetzen, wenn eine Haft letztlich durch einige Kniffs und Tricks erträglich(er) gestaltet werden könnte. Auch an mir ist diese Zeit keineswegs spurlos vorübergegangen, trotz aller mentalen Vorbereitungen. So haben die neun Monate Einzelhaft im Untersuchungsgefängnis der Stasi in Hohenschönhausen als Beispiel zweifellos bewirkt, dass ich nach dem 1966 erfolgten Freikauf erstmals wieder 2019 in eine Wohnung einzog, die ein „Gegenüber“ hatte. Ich hatte also unbewusst 52 Jahre lang Wohngelegenheiten genutzt, die kein unmittelbares Gegenüber, also keine Einsichtmöglichkeiten in meinen privaten Bereich boten.

Traumatische Erfahrungen in der Kindheit hilfreich

Auf der anderen Seite waren meine, wenn auch an sich traumatischen Erfahrungen aus meiner Kindheit hilfreich beim Überstehen dieser Zeit. So war ich im Alter von vier Jahren in einem dem Evangelischen Johannesstift in Berlin zugeordneten Heim zusammen mit meinem zwei Jahre älteren Bruder untergebracht. Zu Nikolaus 1948 geriet ich mit meinem Bruder in eine kindliche Auseinandersetzung, nachdem wir im Schlafsaal gemahnt worden waren, im Flüsterton geführte Unterhaltungen einzustellen. Kurze Zeit darauf erschien eine Erzieherin, packte mich, nachdem sie meinen Mund mit einer Binde verschlossen hatte und trug mich aus dem Saal hinunter in den Keller. Dort öffnete sie eine sogen. Luftschutztür, hinter der ein Heizkessel sichtbar wurde. Sie setzte mich auf einem dort stehenden Stuhl ab und schärfte mir ein, mich still zu verhalten. Den auf der anderen Seite des Kessels säße der Nikolaus. Der würde mich, wenn ich mich nicht still verhielte, mitnehmen. Ich käme dann niemals mehr zurück. Dann knallte die Tür zu. Erst am Morgen wurde ich aus dem Verlies befreit. War es da ein Wunder, daß ich noch im Alter von 18 Jahren Herzklopfen hatte, wenn ich durch eine Keller gehen mußte?

Daß ich in einigen der Kinder- und Jugendheime – meine Eltern waren geschieden – eine sogen. Einheits- oder Anstaltskleidung tragen mußte half mir, mit der Gefängniskluft in Hohenschönhausen und später in Bautzen zurecht zu kommen.


„Eure Leiden – unser Auftrag.“ Heute wird in Hohenschönhausen der Opfer des SED-Staates gedacht. – Foto: LyrAg

Die Vernehmungen liefen im erwarteten Rhythmus und Muster ab. Auch hier halfen meine vorbereitenden Kenntnisse. So hatte man mir geraten, mich nicht einer Aussage zu verweigern. Ich solle stattdessen „so ausführlich wie irgend möglich“ Begebenheiten berichten, von denen ich wußte, daß diese bereits öffentlich waren. Damit würde ich keine „feindliche Haltung“ einnehmen, sondern kooperativ wirken. Allerdings sollte ich mir auch stets die Aussagen einprägen, denn die Stasi würde oft noch nach Wochen oder Monaten die gleichen Fragen stellen, um die Antworten auf ihren Wahrheitsgehalt zu prüfen. Daher dürfte aber nicht alles wortgleich wiederholt werden, weil dies auf eingeübte Textversionen schließen lassen würde.

Auch das ließ sich relativ gut einarbeiten. Als es z.B. um Treffs mit Mauer-Gegnern in der Bernauer Straße ging, gab ich bei einer solchen Wiederholungsfrage an, nicht mehr ganz sicher zu sein, ob diese Treffs an dieser oder jener Ecke stattgefunden hätten. Dadurch erhielten die Aussagen gesamt eine gewisse Glaubwürdigkeit.

Durch Vernehmungen wurde ein IM entlarvt

Schließlich gelang es mir durch diese vorbereiteten Kenntnisse sogar, einen wahrscheinlichen IM (Informellen Mitarbeiter) der Stasi in West-Berlin zu entlarven. Durch Vernehmungen hatte ich den Eindruck gewonnen, dass ein mir bekannter Presse-Fotograf, der auch Demonstrationen von mir fotografiert hatte, mögliche Informationen weitergegeben haben könnte. Meine daraufhin detaillierter werdenden Aussagen über Begegnungen mit dieser Person wurden nachdenkenswerter Weise nie hinterfragt. Einzelheiten zu dieser Person interessierten offenbar die über alles neugierige Stasi nicht. Schnell gewann ich den Eindruck, das hier jemand geschützt werden sollte.

Nach meiner Freilassung suchte ich den damalige Geschäftsführer der CDU Berlin. Joachim Kalisch, auf und übermittelte ihm meine Vermutungen über diesen der CDU nahestehenden Fotografen. Kalisch wurde echt blass und sagte mir, dass dieser Mensch vor wenigen Monaten eben unter diesem Verdacht festgenommen worden wäre.

Natürlich blieben auch die Fragen nicht aus, was ich denn für ein Urteil erwarten würde. Allerdings blieb ich eisern, gab die Todesstrafe oder „Lebenslänglich“ an, keinesfalls aber meine erlangten Kenntnisse über mögliche acht Jahre Zuchthaus. Mit Sicherheit hätte die Stasi schon aus optischen Gründen dafür gesorgt, dass ein solches Urteil nicht gefällt werden würde. Schließlich wollte man mich ja von „falschen Vorstellungen“ überzeugen, die durch zuviel Konsumierung von US-Krimis entstanden wären.

Acht Jahre Zuchthaus wurden als Bestätigung empfunden

Als dann am 7. April 1966 nach drei Verhandlungstagen das Urteil anstand, war ich gespannt, ob die Lesart des Kuratoriums Unteilbares Deutschland richtig gewesen war. Der vorsitzende Richter Genrich verlas die Einzelstrafen: Insgesamt zehn Jahre. Dann aber: „Die Einzelstrafen werden zu einer Gesamtstrafe von acht Jahren zusammengefasst.“ Also doch wieder eine Bestätigung, das dieser Unrechtsstaat über Schubladenurteile verfügte. Manch einer wäre angesichts des Strafmaßes zusammengebrochen. Ich fühlte mich bestätigt. Diese psychologischen Krücken waren ungemein hilfreich, um mit der aktuellen Situation umgehen zu können.

Auch andere Vorkommnisse verhalfen mir dazu, die doch belastende Einzelhaft zu verkraften.

Dieser Ausblick blieb den U-Häftlingen durch Glasbausteine in den Zellen versperrt. Foto: LyrAg/RH

So hatte ich bei einem der eher seltenen Ausgänge im Freikäfig eine Idee. Die Freikäfige waren so groß wie eine Zelle, hatten aber kein Dach. An den Rändern waren Gänge montiert, auf denen das Wachpersonal – erstaunlicherweise bewaffnet – patrouillierte. Im Rundgang war zwar der Schnee geräumt, aber in den Ecken, so zur Zellentür, lagen noch Schneereste. In einem unbeobachteten Moment bückte ich mich und schrieb in den Winkel links von der Tür „Freiheit“.

Kurze Zeit nach meinem Einschluss öffnet sich die Zellentür und ein nicht sehr großer Unteroffizier betrat die Zelle. Aufmerksam registrierte ich, wie der Unteroffizier die Zellentür hinter sich heranzog und verhinderte, das ein Wachtposten, der im Übrigen durch Schikanen aufgefallen war, ebenfalls die Zelle betrat. Es entspann sich folgender Dialog:

„Haben Sie das da draußen geschrieben?“  „Ich weiß nicht, was Sie meinen.“  „Na da draußen, im Freigang.“   „Was soll ich da geschrieben haben?“  „Na, das Wort. In der Ecke, neben der Tür.“ „Was für ein Wort?“

Freiheit: Jeder darf darüber denken, was er will

Ich wollte unbedingt diesen Begriff „Freiheit“ aus seinem Mund hören.

Nach mehreren Versuchen, dem zu entgehen, räumte er schließlich ein: „Na,“ er rollte mit den Augen, „Freiheit.“  „Ach so,“ erwiderte ich, „Freiheit. Das meinen Sie. Ja, das habe ich geschrieben,“ gab ich zu.

Dann die interessante Belehrung: „Jeder kann über diesen Begriff denken, was er will. Aber bitte lassen Sie in Zukunft solche Schreibereien. Das könnte großen Ärger verursachen. Sie dürfen da draußen keine Beschriftungen, welche auch immer, hinterlassen.“ Dann verließ der kleinwüchsige, aber aus dem gewohnten Rahmen fallende Uniformierte die Zelle.

Wenige Wochen später sah ich ihn noch einmal. Ich hatte in einer Nacht zum Sonntag echte gesundheitliche Probleme bekommen, konnte nicht mehr flach auf dem Bett liegen, ohne dass ich heftige Dreh- und Schwindelanfälle bekam. Ich klopfte an die Tür, und schließlich wurden zwei Sanitäter in die Zelle beordert. Diese gaben mir einige Tabletten zur „kurzfristigen regelmäßigen Einnahme nach Bedarf.“

In der Folge setzte bereits in der Nacht heftiger Stuhldrang ein. Nach wenigen Stunden ließ ich aus dem Darm nur noch Wasser ab. Das alles erschöpfte mich derart, daß ich mich am folgenden Sonntag auf das Bett setzte und mit den Armen auf den aufgestapelten Matratzen abstützte, was verboten war. Man durfte tagsüber nur auf dem Schemel am Tisch sitzen. An diesem Sonntag hatte ein Soldat Dienst, der darüber offenbar sehr frustriert war. Jedenfalls hämmerte er mehrfach bei seinen Rundgängen auch an meine Zellentür und forderte mich lautstark auf, mich „anständig“ hinzusetzen. Schließlich riss er sogar die Essenklappe auf und herrschte mich an. Aber auch darauf reagierte ich mit dem Hinweis, das es mir nicht gut ginge und in der Nacht auch schon Sanitäter bei mir waren.

Längere Zeit war nichts zu hören, da die in den Gängen ausgelegten Teppiche jeden Tritt verschluckten. Schließlich rasselten die bekannten Zellen-Schlüssel in einer Durchgangstüre am Ende des Zellenganges. Meine Erwartung, dass dies mich betreffen würde, traf zu. Die Zellentür wurde aufgeschlossen und herein kam der mir bereits bekannte Unteroffizier. Wieder zog er die Zellentür hinter sich zu, sodaß der Frustrierte vor der Tür bleiben mußte.

„Was ist hier los? Warum setzen Sie sich nicht ordentlich hin?“

Ich klärte den Uffz über die vergangene Nacht auf und beschrieb meine Schwierigkeiten, mit dem offenbaren Missmut eines Soldaten über dessen Sonntagsdienst umzugehen. „Schließlich können wir Gefangenen nichts dafür, das Ihr Kollege hier Wache schieben muß.“ Außerdem würde ich nicht begreifen, was daran unanständig sein soll, wenn ich auf dem Bett säße, und meine Arme aufstützen würde.

„Sie wissen aber, dass dies verboten ist?“  „Unanständiges Sitzen könne ja verboten sein. Aber was ist an meinem Sitzen, Sie können mich ja genau betrachten, unanständig?“

„Geben Sie sich einfach Mühe, den Anordnungen zu folgen,“ sagte der Uffz schließlich nach längerer Debatte über die gegenseitigen Argumente und verließ ruhigen Schrittes die Zelle. Den frustrierten Wachtposten hatte ich seither nicht mehr gesehen, den Unteroffizier allerdings auch nicht mehr.

Im Ergebnis aber begriff ich wieder einmal etwas mehr, warum es in den schlimmsten Diktaturen immer wieder Ereignisse gab, die den Gefangenen Mut machten. Dass es Menschen gab, die in den Diensten dieser Diktaturen standen und trotzdem bemüht waren, so weit als möglich, oft sogar unter Lebensgefahr, menschlich zu bleiben. Meine Hoffnung nach dem Mauerfall, mich eines Tages bei diesem Unteroffizier stellvertretend bedanken zu können, hatte leider keinen Erfolg; ein seinerzeitiger Aufruf über eine Pressekonferenz von 1992 der Organisation HELP, deren Präsident ich bis 1993 war, blieb ergebnislos.

-Wird fortgesetzt-

V.i.S.d.P.: Redaktion Hoheneck, Berlin – Mobil: 0176-48061953 (1.456)

Von Tatjana Sterneberg und Carl-Wolfgang Holzapfel*

Köln/Stollberg-Hoheneck/Berlin, 06.05.2018/cw – Ellen Thiemann (80) ist tot. Heute teilte ihr Sohn die traurige Nachricht der Öffentlichkeit mit. Die bekannte Buchautorin und vormalige Redakteurin im Kölner Express hatte im Herbst vergangenen Jahres die bestürzende Diagnose Krebs erhalten. Seither bereitete sie sich mutig und gefasst auf ihren Tod vor.

Mit Thiemann verlieren die ehemaligen Hohenecker Frauen eine überaus engagierte Kämpferin für die Erinnerung an das größte Frauenzuchthaus der einstigen DDR. Sie war über Jahrzehnte die Stimme von Hoheneck, ehe andere Frauen, vielfach ermutigt durch sie, eigene Biografien über ihre Erlebnisse in dem Gemäuer der ehemaligen historischen Burg schilderten.

Die Verstorbene wurde am 23.Mai 1937 in Dresden geboren. Dem heranwachsenden Mädchen blieben die furchtbaren, weil bewußten Erlebnisse besonders der letzten Kriegstage nicht erspart, die Bombardierung ihrer Geburtsstadt durch angloamerikanische Bomberverbände blieb ihr als leibhaftige Hölle auf Erden in bleibender Erinnerung.

Vielleicht trugen diese jungen Erfahrungen zu ihrer Politisierung bei. Jedenfalls arbeitete sich die junge Frau bis in den Diplomatischen Dienst der DDR hoch, war schließlich als Dolmetscherin (Spanisch) tätig, die Thiemann zu einer Zeit Aufenthalte im Ausland ermöglichten, die normalen DDR-Bürgern verwehrt waren. Nachdem sie Ende der fünfziger Jahre den in der DDR bekannten Fußballer und Sportjournalisten Klaus Thiemann kennengelernt hatte, heiratete das junge Paar. Nach dem Bau der Mauer am 13. August 1961 empfand Thiemann trotz gewisser Vorteile, die ihr die berufliche Tätigkeit einbrachten, ihren Staat zunehmend als Beengung. Vor allem sah sie für ihren über alles geliebten Sohn die Chancen für eine Zukunft schwinden. Nach vielen Diskussionen entschloss sich das Paar zur Flucht in den Westen. Dabei sollte der Sohn praktisch im Voraus in einem Auto in die Freiheit geschmuggelt werden. Offensichtlich durch Verrat scheiterte diese Flucht am 29. Dezember 1972 am durch mehrere Fluchtunternehmen bereits bekannten Grenzübergang Invalidenstraße. Thiemann, die die Flucht ihres damals elfjährigen Sohnes Carsten und das Scheitern beobachtet hatte, wurde verhaftet. Um ihren Sohn und den Ehemann zu schützen, nahm sie alle Schuld auf sich und wurde am 22. Mai 1973 zu dreieinhalb Jahren Zuchthaus verurteilt, während ihr Sohn in die Obhut des Vaters kam. Ellen Thiemann wurde zunächst nicht freigekauft, sondern Ende Mai 1975 in die DDR entlassen. Nach intensiven Bemühungen ihres Anwaltes Wolfgang Vogel, zu dem sie nach dessen Umzug an den Schliersee in Bayern bis zu dessen Tod eine herzliche Verbindung unterhielt, konnte sie mit ihrem Sohn endlich freigekauft werden und am 19. Dezember desselben Jahres die DDR verlassen.

Im Westen angekommen, begann Thiemann eine journalistische Karriere, die sie bis zur Ressortleiterin im Kölner Express empor trug. Von Beginn an nutzte sie die dadurch ermöglichte Chance, die Öffentlichkeit über Hoheneck und die in der DDR furchtbaren Bedingungen in den Haftanstalten zu informieren. Ihr gelang es schließlich, hochrangige Politiker, wie den damaligen Außenminister Hans-Dietrich Genscher, zu einem Besuch in Hoheneck zu veranlassen. Der bereits vorbereitete,  von Thiemann angestoßene Besuch von Helmut Kohl in Hoheneck scheiterte an den widrigen Wetterbedingungen, die eine Nutzung des Hubschraubers unmöglich machte.

Über ihre Haft in Hoheneck veröffentlichte sie viel beachtete Bücher (Stell dich mit den Schergen gut. Herbig, München 1990, ISBN 3-7766-1655-5; Der Feind an meiner Seite. Herbig, München 2005, ISBN 3-7766-2453-1 (mit einem Geleitwort von Joachim Gauck) und Wo sind die Toten von Hoheneck? Herbig, München 2013, ISBN 978-3-7766-2750-3 (mit einem Geleitwort von Norbert Lammert). Ihr zweites Buch basierte auf der erschütternden Erkenntnis, dass ihr eigener Mann als IM „Mathias“ die seinerzeitige Flucht an das MfS verraten hatte. Die Enttäuschung über diesen Verrat durch „den engsten Vertrauten“ hat Thiemann nie wirklich verwunden. In ihrem Buch Der Feind an meiner Seite hat die Autorin sich ihre Erkenntnisse und ihre verletzten Gefühle über diesen Verrat nach dem Studium ihrer Stasiakten von der Seele geschrieben.

Auch durch vielfache TV-Futures, unzählige Interviews und zahlreiche Artikel wirkte Ellen Thiemann an der Bewusstwerdung über die politischen Verfolgungen in der DDR in einem unübersehbaren Umfang mit. Bis zuletzt galten ihre Gedanken der Sorge, dass die Leiden von Hoheneck und den anderen Haftanstalten in Vergessenheit geraten könnten. In einem letzten Telefonat appellierte sie eindringlich, in ihrem Sinn weiterhin engagiert zu bleiben. Die unverwechselbare Stimme von Hoheneck ist tot. Ihr Vermächtnis wird weiter leben, solange Zeitzeugen das gemeinsame Anliegen und damit die Erinnerung an diese eindrucksvolle Frau bewahren. Liebe Ellen, wir werden Dich nie vergessen.

* Tatjana Sterneberg war selbst von 1973 – 1976 in Hoheneck inhaftiert. Carl-Wolfgang Holzapfel war 1962 durch die Zeitzeugin Anneliese Kirks (1950-1960) erstmals auf Hoheneck aufmerksam geworden und hatte sich seither für die Freilassung politischer Gefangener engagiert. Beide Autoren waren mit der Verstorbenen befreundet.

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Berlin, 8.03.2016/cw – Seit 80 Tagen befindet sie sich bereits im Hungerstreik, seit Samstag zusätzlich im „trockenen Hungerstreik“, verweigert also zusätzlich die Aufnahme von Flüssigkeiten: Nadiya Savchenko. Für die einen ist die Pilotin der Ukrainische Armee eine Heldin, für andere ist sie eine Kriegsverbrecherin, der durch die russische Justiz die Beteiligung an der Ermordung eines Journalisten, der bei Kampfhandlungen im  Rahmen der illegalen Invasion gegen die Ukraine ums Leben kam, vorgeworfen wird. Das Mitglied des ukrainischen Parlaments (Rada) sowie  der ukrainischen Delegation zur Parlamentarischen Versammlung des Europarates wurde am 17. Juni 2014 durch vom Kreml unterstützte separatistische Kämpfer gefangen genommen, entführt und befindet sich bereits seit Ende Juni 2014 in russischer Gefangenschaft. Zur Zeit wird Savchenko in Russland, illegal, der Prozess gemacht. Anfang März wird mit einem Urteil der russischen Justiz gerechnet.

Seite Dezember 2014 führt der Berliner Ronald Wendling (56) wöchentlich eine Mahnwache vor der Russischen Botschaft nahe dem Brandenburger Tor durch (jeden Donnerstag, von 13:00 – 19:00 Uhr). Am kommenden Donnerstag findet bereits die 70. Mahnwache statt, weltweit ein Rekord in den Bemühungen um die Freilassung der Ukrainerin. Der Berliner erhält inzwischen über facebook zustimmende Grußbotschaften aus der ganzen Welt, in der Ukraine ist er inzwischen breit bekannt. Auch der Botschafter der Ulraine hat Wendling bereits mehrfach seine Hochachtung und seinen Dank für dieses menschenrechtliche Engagement ausgesprochen, zuletzt am vergangenen Donnerstag in einem einstündigen Gespräch in der Botschaft.

Zu den Mahnwachen bereits eine Platz nach Nadya Savchenko benannt Foto: Archiv

Zu den Mahnwachen bereits eine Platz nach Nadya Savchenko benannt Foto: Archiv

Dank für den Einsatz, der ihm die Freiheit brachte

Warum tut sich der „Mann vom Brandenburger Tor“, als der  Wendling inzwischen vielfach bezeichnet wird, diese wöchentliche Kraftanstrengung an? „Ich versuche etwas von dem zurückzugeben, was damals Menschen für mich getan haben,“ sagt der ehemalige politische Gefangene aus Cottbus. Er sei damals von der Bundesregierung wie 32.000 andere politische Gefangene freigekauft worden, „ohne dass irgendeiner in der damaligen Bundesregierung oder von den Verhandlungsführern mich kannte.“ Diesen Einsatz, durch den er in Freiheit gekommen sei, habe er nie vergessen, dafür werde er ewig dankbar sein. Und nun wolle er diesen Dank umsetzen und für Menschen eintreten, die ebenso wie er damals darauf angewiesen sind, dass „Dritte ihre Stimme für sie erheben.“

Am morgigen Mittwoch wird vor der Russischen Botschaft, Unter den Linden in Berlin, von 12:00 – 19:00 Uhr als Teil weltweiter Proteste eine Demonstration für die Freilassung Savchenkos stattfinden. Natürlich wird Ronald Wendling auch diese vor Ort organisieren. Die 70. Mahnwache am darauf folgenden Donnerstag bleibt davon unberührt. „Ich stehe hier, ich kann nicht anders,“ sagt der Berliner lächelnd und zutiefst von seinem humanitären Engagement überzeugt. Die Einladung zu einer Filmpremiere am 13.März in Hamburg, auf der ein Dokumentarfilm zu Nadya Savchenko vorgestellt wird, hat Wendling hingegen abgesagt. „Die Verurteilung von Savchenko steht unmittelbar bevor, die Staatsanwaltschaft hat 23 Jahre Freiheitsentzug beantragt. Da kann  ich nicht in der Welt herumreisen, so sehr auch solche Veranstaltungen wichtig sind. „Ronald Wendling bereitet für diesen Fall bereits die nächste Aktion vor. Er will für jedes verhängte Jahr Freiheitsentzug ohne Unterbrechung einen Tag vor der Russischen Botschaft demonstrieren: Für die Freilassung von Nadya Savchenko.

V.i.S.d.P.: Redaktion Hoheneck, Berlin, Tel.: 030-30207785 (1.083)

 

Berlin, 4.11.2013/cw – Meist schauen wir als einstige Opfer der DDR-Stasi-Diktatur sauertöpfisch drein, schimpfen auf vermeintliche oder tatsächlich Schuldige und machen mit jeder Geste deutlich: Schaut her,  wir  sind die Verlierer. Wer will mit uns Miesepetern etwas zu tun  haben?

Welches Menschenbild übermitteln wir da eigentlich mit diesem permanenten Pessimismus, unserem Frust auf alles? Klar, bei uns  handelt es sich um Menschen, die im Gegensatz zur Masse (unseres Volkes) schwere Zeiten durchgemacht haben. Unseren (einstigen?) Mut, frei zu sprechen, unseren (einstigen?) Antrieb, Mauer und Eingesperrt-sein hinter uns zu lassen, unsere (einstige?) Weigerung, mit dem (Partei-) Strom einfach mitzuschwimmen oder Freunde, Kameraden, Kollegen zu bespitzeln und zu verraten, mussten  wir mit oft vielen Jahren Freiheitsentzug, mit Aufenthalten in Folter-, Dunkel- und Wasserzellen teuer bezahlen.

Im Westen, per Ausreise oder Freikauf angekommen, mussten wir uns allerdings nicht der erträumten, sondern der wirklichen Freiheit stellen. Statt offener Arme bekamen wir oft Skepsis, häufig Ablehnung zu spüren. Durch den oft vergeblichen Kampf um die Anerkennung von erlittenen Traumata und gesundheitlichen Schäden wurden wir verbittert, zogen  uns in selbstgewählte Vereins-Schneckenhäuser zurück, um unsere Wunden zu lecken. Und dann verhedderten sich von uns gewählte Funktionäre auch noch in umstrittene Handlungen oder fingen aus sicher gemeinter Distanz an, erneut über Juden und andere Glaubensrichtungen herzuziehen, statt sich unserer Wundpflege anzunehmen. Diese Erinnerungen an überwunden geglaubte Vergangenheiten traumatisierten uns häufig erneut.

Ja, geht’s noch?  WIR  haben ein unmenschliches System bekämpft.  WIR  haben unseren Mund aufgemacht,  WIR  haben die Fluchttunnel durchquert, unter Lebensgefahr die Freiheit gesucht. Und schließlich waren  WIR  es, die die Menschen ermuntert haben, auf die Straße zu gehen, den Mund aufzumachen, das System zu stürzen, die Mauer zu erklimmen, zum Einsturz zu bringen. Und darauf sollten  WIR  stolz sein.  Darum lasst uns endlich   selbstbewusst durchs Leben gehen. Nicht gesenkten, sondern erhobenen Hauptes. Darum lasst uns  über die Miesepeter der Demokratie lachen, die noch immer (oder schon wieder?) nicht wissen, was Freiheit bedeutet.

Natürlich gibt es viel zu kritisieren, jeden Tag, jeden Monat jedes Jahr. Aber auch dafür haben WIR  gekämpft, dass diese Kritik möglich wurde. Klar, wir können die Gewohnheit an die Freiheit, mit der daraus erwachsenen Oberflächlichkeit, dem sich ausbreitenden Verdruss über die Freiheit, mit dem uns unsere Mitmenschen immer öfter begegnen, nur schwer ertragen. Vielleicht liegt das aber auch an unserer oft  demonstrativ gezeigten Sauertöpfigkeit, die eher Depressionen überträgt als von Werten überzeugt?

Lasst uns vermitteln, dass sich Freiheit lohnt. Durch eine neue und ansteckende Fröhlichkeit. Unser erreichtes Ziel, unsere erkämpfte Freiheit, sollte uns nicht müde, sondern fröhlich machen. Denn  was  WIR erreicht haben, ist nicht zu toppen, kann uns keiner mehr nehmen.

Kameraden, Mitstreiter, Weggefährten: Lacht mal wieder :-)))

V.i.S.d.P.: Vereinigung (AK) 17. Juni 1953 e.V., Berlin, Tel.: 030-30207785

Berlin, 10.09.2012/cw – Das unter die freigekauften Häftlinge der einstigen DDR auch von der DDR ungeliebte (Kriminelle) oder gezielt durch das MfS angeworbene Personen untergeschoben wurden, war schon länger vermutet worden. Jetzt berichtet DER SPIEGEL in seiner neuesten Ausgabe, dass die am Freikauf beteiligten Bundesregierungen von dieser Praxis wussten.

Nach dem Bericht nahmen die Bundesregierungen inkauf, mit ihren Geldern auch Kriminelle und sogar Stasi-Spitzel in die (alte) Bundesrepublik zu holen. Das ginge „aus bisher unbekannten Dokumenten des Bundesverfassungsschutzes und anderer westdeutscher Behörden hervor,“ schreibt das Nachrichtenmagazin.

Zwischen 1963 und 1989 wurden 31775 Häftlinge aus DDR-Gefängnissen freigekauft. Die Bundesregierungen zahlten dafür mit Waren im Wert von  rund 3,4 Milliarden Mark. Offensichtlich ließen sich die Verantwortlichen durch die DDR wissentlich täuschen. Denn bereits 1968 berichtete der Bundesverfassungsschutz, manche aus DDR-Gefängnissen Entlassene „erschienen völlig undurchsichtig und zweifelhaft. Die tatsächliche Anzahl derjenigen, die früher für das MfS tätig waren, und derjenigen, die bei Entlassung einen Auftrag erhielten, liegt bestimmt höher als angegeben.“

Laut SPIEGEL fälschte Ost-Berlin „Häftlingslisten, in manchen Fällen zahlte die Bundesregierung sogar für Gefangene, die nur noch wenige Wochen in Haft gewesen wären, zum selben Satz von 40.000 Mark.“ Frustriert habe  der zuständige Direktor des Verfassungsschutzes über drei Aktionen zum Häftlingsfreikauf zwischen 1966 und 1968 berichtet: „Unter den 717 Haftentlassenen (…) befanden sich nur noch 112 ‚politische Täter‘.“ Der Bericht schloss mit der Einschätzung, dass die DDR „die humanitären Maßnahmen der Bundesregierung als willkommene Einnahmequelle nutzt„.

Aus diesen Berichten zogen die Verantwortlichen allerdings keine Konsequenzen. Man befürchtete eine Gefährdung des generell befürworteten und durch den damaligen  Bundesminister für Gesamtdeutsche Fragen, Rainer Barzel (CDU) eingeleiteten Freikaufs von aus politischen Gründen oft zu langjährigen Freiheitsstrafen Verurteilten.

Der Bericht scheint entsprechende Forschungsergebnisse zu bestätigen stellt dazu die in Berlin ansässige Vereinigung 17. Juni fest. So wären gerade in den letzten Jahren immer wieder Rückforderungen von Entschädigungszahlungen gegen einstige DDR-Gefangene erhoben worden, deren Verurteilungen sich nach entsprechenden Akten-Funden als „nicht-politisch“ herausstellten (kriminelle Delikte) oder die als Zuträger oder gar IMs geortet wurden.

Die Vereinigung hält es anlässlich der aktuellen Berichterstattung für wünschenswert, eine eigene Forschung über die seinerzeitige Ausstellung sogen. HHG-(10,4) Bescheinigungen einzuleiten. Diese waren offenbar „zu großzügig und in einigen Fällen unter Ausklammerung rechtsstaatlicher Grundsätze“ erteilt worden, um eben das begrüßenswerte humanitäre Projekt „Freikauf“ nicht zu gefährden. Dreiundzwanzig Jahre nach dem Ende der DDR sei es „gerade und zuförderst im Interesse der tatsächlich aus politischen Gründen Verfolgten“ erforderlich, dieser offensichtlichen Grauzone Aufmerksamkeit zu widmen. Befürchtungen, diese Aufmerksamkeit könne dem Ansehen der DDR-Opfer schaden, wies der Verein zurück: „Gerade die rückhaltlose Aufklärung über etwa vorhandene Missstände im Anerkennungs- und Entschädigungsverfahren dient dem Ansehen der Menschen, die aus rechtsstaatlich nicht zu vertretenden Gründen in die Mühlen der Diktatur-Justiz geraten waren.“ Wer nichts zu verbergen habe, würde sich auch einer angemessenen, sensiblen Überprüfung nicht widersetzen.

V.i.S.d.P.: Vereinigung (AK) 17. Juni 1953 e.V., Berlin, Tel.: 030-30207785 oder 0176-48061953

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